Es kann helfen, sich die unangenehme Facetten des Improtheaters einmal vor Augen zu führen. Wenn Anfänger*innen eine Zeit lang als Gruppe erste Erfahrungen gesammelt haben, bietet es sich an, zu reflektieren. Dieser Text dient eher als theaterpädagogischer Hintergrund für die Spielleitung.

  • Umgang mit Unwissenheit/Unsicherheit: Du weißt nicht was im Zusammenspiel mit anderen auf der Bühne als nächstes passieren wird, und du hast es auch nicht in der Hand. Es ist unmöglich vorherzusehen. Es ist zwar nur spielerisch, aber es kann sich für einige TN sehr ungewohnt anfühlen.

  • Umgang mit Druck: Jede*r TN spürt einen Druck, der sich individuell aus dem wahrgenommen äußeren Druck und dem eigenen (selbst gemachten) inneren Druck zusammensetzt. Der innere Druck entsteht z.B. dadurch, dass der/die TN denkt, die eigenen Ideen seien nicht kreativ genug. Wenn die TN sich selbst sehr viel Druck machen und sehr kritisch mit sich selbst sind (siehe: TN kreativen Druck nehmen), dann hilft auch ein perfektes Gruppenklima nur bedingt weiter. Der äußere Druck entsteht z.B. durch die Anwesenheit des Publikums, das eine Erwartungshaltung mitbringen kann. Entscheidend ist daher, wie die SL die Atmosphäre gestaltet. Sagt die SL z.B. „Hier zeigen wir euch, was die TN gelernt haben“, steigt der äußere Druck. Die Aufgabe der SL ist es nun, den von den TN insgesamt wahrgenommen Druck so gering zu halten, das den TN beim Impro nicht der Spaß vergeht. Andererseits lernen wir vor allem durch das Erleben von Situationen, die wir gemeistert haben. Insofern bringt uns nur die Konfrontation weiter. Die Erwartungen müssen auf einem Level sein, dass die TN gefordert sind, ohne zu verzweifeln. Durch das Setzen von einem Schwerpunkt (z.B. Storytelling) kann der von den TN wahrgenommene Druck natürlich stark steigen. Schließlich geht es dann ja darum, nicht nur irgendwie zu spielen, sondern eine sinnvolle Geschichte zu produzieren.

Druck kann auch dadurch entstehen, dass jede*r Spieler*in beim Impro sehr viel von sich zeigt. Man kann sich beim Impro im Gegensatz zu herkömmlichem Theater nicht hinter einer Rolle verstecken, sondern alles was eine Person sagt und tut, geht auf die Gedanken dieser Person zurück. Insbesondere bei obszönen Assoziationen schaltet sich daher oftmals der persönliche Zensor ein, der verhindert, dass die erste Assoziation ausgesprochen wird, um sich nicht vor der Gruppe bloß zu stellen. Es sollte darauf hingearbeitet werden, dass sich niemand für seine Assoziationen schämen muss. Alle Assoziationen sind richtig, weil sie die Art und Weise, mit der du kognitive Elemente miteinander verknüpfst, offen legen, also ein Abbild der Realität darstellen. Die SL sollte dies kommunizieren, um den Druck für die TN zu verringern. Wenn alle nach dieser Maxime handeln, fällt es allen leichter.

  • Umgang mit Risiko: Du trägst als Spieler*in die Verantwortung für deine Szene. Es wird von dir erwartet, dass du auf der Bühne nicht nur dabei bist, sondern auch Entscheidungen triffst und die Geschichte in eine Richtung lenkst. Du kannst die Szene aber durch dein Handeln “kaputt” machen, indem du zum Beispiel bereits Etabliertes (und sei es unwissentlich) leugnest, zum Beispiel beim Installieren. Mit jeder Aktion auf der Bühne gehst du also ein Risiko ein und zugleich verhinderst du mit deinem Handeln etliche alternative Ausgänge. Du zwingst deine Mitspieler*innen dazu, ihre Ideen zu verwerfen, denn es kann letztendlich nur eine einzige Version umgesetzt werden. Und zurecht zweifelst du selber, denn deine Idee ist vermutlich nicht mal die beste, aber sie ist akzeptabel, und das reicht beim Impro für die Gunst des Publikums. Die Szene wird nachher daran gemessen, wie gut die Inhalte waren, die auch du eingebracht hast.

  • Umgang mit inneren Konflikten: Du hast einerseits deine eigenen guten Ideen und das Vertrauen, dass du mit deinem Können die Szene meistern wirst, andererseits gilt die goldene Regel des Akzeptierens. Du musst also Verantwortung abgeben können. Aus diesem ständigen Ausbalancieren und Abgleichen von eigenem Handeln und äußerem Geschehen ergibt sich ein innerer Konflikt. Das kann dich gedanklich sehr stark beanspruchen, da du als Schauspieler*in unmittelbar in das Geschehen involviert bist und keine Vogelperspektive einnehmen kannst. Die kognitive Doppelbelastung tritt insbesondere beim Streiten auf der Bühne in Erscheinung. In deiner Rolle rechtfertigst du dich für das, was dir vorgeworfen wird. Du wirst angegriffen und vielleicht als Loser dargestellt. Vielleicht rutschst du auch in eine Rolle hinein, die dir nicht zusagt. Das ist unangenehm und löst Emotionen in dir aus. Achte auf deine persönlichen Grenzen und kommuniziere wie weit du bereit bist zu gehen. Viel weiter noch über deinen Charakter hinaus geht allerdings deine Verantwortung für die gesamte Szene. Vielleicht musst du lernen, Vertrauen in die Ideen deiner Mitspieler*innen zu haben. Vielleicht ist es notwendig, dass du dich zurücknimmst, damit der wahre Held der Geschichte auf Kosten deines gespielten Charakters aufblühen kann.


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